Die Libellen des Limpachs (Bach)
Die vorliegende Arbeit basiert auf Datenaufnahmen von 1997, 1998 und vor allem 2006 bis 2008.
Der Limpach fliesst durch das Limpachtal im Grenzgebiet der Kantone Bern und Solothurn, etwa 10 km südwestlich von Solothurn. Er „entspringt“ in Scheunenberg (Gde Wengi) und mündet nach 15,6 km Fliessstrecke bei Kräiligen (Gde Bätterkinden) in die Emme. Die „Quelle“ besteht aus einer Röhre, die das Ende seiner Eindolung markiert. Lediglich der letzte Kilometer seines Laufes nimmt noch einen einigermassen natürlichen Verlauf. Der Rest ist kanalisiert. Zwischen Wengi und Brittern ist sein Lauf auf einer Länge von 7,5 km schnurgerade ohne jegliche Kurve. Das Bachbett ist stark vertieft, was im unteren Teil mehrere Meter ausmachen kann, um die Hochwasser ableiten zu können. Das Gefälle beträgt auf seiner ganzen Strecke nur etwa 15 Meter, was einem Promille entspricht. Der Kanal ist bis nach Kräiligen mittel bis stark besonnt. Erst nach Kräiligen ist er zuerst durch beidseitige Gehölze, dann durch Wald stark beschattet. Die Breite des Gewässers beträgt am Anfang wenige Dezimeter, bei der Mündung wenige Meter. Die Wassertiefe schwankt bei normalem Wasserstand von einigen Zentimetern im obersten Bereich bis zu maximal etwa einem Meter an einigen Stellen im unteren Bereich.
Auf der Fliessstrecke wurden 26 Beobachtungsflächen (BF) von 300 bis 750 m Länge festgelegt, welche eine Totallänge von 12’680 m aufweisen. Dies entspricht 81% der Gesamtlänge des Limpachs, die somit kartiert wurde. Bei der Festlegung von Anfang und Ende einer BF wurde vor allem darauf geachtet, dass die BF leicht auffindbar ist und sich an auffälligen Merkmalen (Brücken, Wege, Bäche, Grenzsteine) orientiert. Die gesamte BF sollte sich innerhalb des selben Kilometerquadrates gemäss schweizerischem Koordinatennetz befinden und möglichst wenig verschiedene Gemeinden durchfliessen (wenn möglich nur 1-2). Für die Festlegung der Koordinaten wurde der Mittelpunkt der BF gemäss Karte 1:25000 bestimmt. Die meisten BF sollen mehrmals im Sommer inventarisiert werden, um so den abweichenden Flugzeiten der verschiedenen Arten gerecht zu werden. Zum Absuchen des Baches wird der nahe Uferbereich abgeschritten und die Libellen, wo nötig, mit Hilfe eines Fernglases bestimmt und notiert. Mit dieser Methode können nicht ganz alle Individuen bestimmt werden; insbesondere Quelljungfern Cordulegaster und Heidelibellen Sympetrum, wenn sie nur im Vorbeiflug beobachtet werden oder die Weibchen diverser Kleinlibellen Zygoptera. Nebenbei wurden auch Notizen über das Eiablagesubstrat gemacht.
Die folgende Tabelle ist eine Übersicht über die verschiedenen Libellenarten, die pro Beobachtungsfläche festgestellt wurden. Es ist jeweils die Anzahl adulter Tiere derjenigen Kartierung berücksichtigt, bei der die höchste Abundanz (Häufigkeit) ermittelt wurde. Nebst der absoluten Anzahl ist auch die Anzahl pro 100 m Fliessstrecke angegeben, welche einen besseren Vergleich der verschiedenen Abschnitte zulässt.
Link zu Tabelle im PDF-Format
Nicht alle Libellenarten, die am Limpach angetroffen werden, entwickeln sich auch hier. Das heisst, sie sind nur zufällig zu Gast, da sie Ihre Eier an geeigneteren Gewässern ablegen. Es kann auch sein, dass sie hier Eier ablegen, obwohl sich die Larven dann nicht fertig entwickeln können, weil das Biotop für sie nicht optimal ist. In Bereichen, wo sich in der Nähe des Baches Weiher befinden, wurden viel mehr solcher Gäste angetroffen, da sie gerne in der Umgebung herumstreifen. Dies ist im Gebiet des Wengimoos und des Golfplatzes Limpachtal eindrücklich der Fall. Mit dem Fund der Exuvie (zurückbleibende Haut nach dem Schlüpfen der fertigen Libelle) kann nachgewiesen werden, dass sich eine Libelle hier entwickelt, dass ihr also der Limpach als Larvenhabitat genügt. Das Auffinden der Exuvien ist aber am Limpach mit der meist dichten Ufervegetation sehr schwierig, was die nur wenigen Exuvienfunde zeigen. Bisher konnte von vier Arten die Exuvie gefunden werden. Es ist schwierig abzuschätzen, wie viele von den anwesenden Libellen sich an diesem Gewässer entwickeln. Über die Bodenständigkeit und weitere ökologische Aspekte gibt die nachfolgende Aufstellung Auskunft.
Calopteryx splendens (Gebänderte Prachtlibelle)
Durch mehrere Exuvienfunde sicher nachgewiesen. In Anbetracht der grossen Anzahl dieser Art und keiner bemerkenswerten Populationen in der näheren Umgebung, darf angenommen werden, dass sich die meisten anwesenden Tiere auch hier entwickeln.
Beliebte Eiablagesubstrate sind Potagometon pectinatus (Kammförmiges Laichkraut) und Myriophyllum spicatum (Ähriges Tausendblatt). Daneben wurde auch Sparganium (Igelkolben) notiert.
Calopteryx virgo (Blauflügel-Prachtlibelle)
In Anbetracht der Häufigkeit ist die Bodenständigkeit als fast sicher einzustufen.
C. virgo ist vor allem in kühlerem Wasser als C. splendens vertreten und gilt auch als schattentolerant. C. virgo ist eine Art der Oberläufe, was sich am Limpach bestätigt. Als Eiablagesubstrat wurde Sparganium (Igelkolben) festgestellt. Auch die Männchen halten sich mit Vorliebe an Igelkolben auf.
Lestes viridis (Weidenjungfer)
Die Art wurde nur in der Nähe des Wengimoos festgestellt, wo sie bodenständig ist. Eiablagemöglichkeiten sind am Limpach stellenweise vorhanden, deshalb ist Bodenständigkeit grundsätzlich möglich.
Als einzige unter den Libellen, legt L. viridis die Eier in die Rinde von Sträuchern und Bäumen ab (vornehmlich Weiden). Diese müssen jedoch an einem Gewässerrand stehen, damit die schlüpfenden Larven ins Wasser fallen.
Platycnemis pennipes (Federlibelle)
Durch einen Exuvienfund konnte die Bodenständigkeit belegt werden.
Eiablagesubstrat ist hauptsächlich Myriophyllum spicatum (Ähriges Tausendblatt), ferner auch Potagometon pectinatus (Kammförmiges Laichkraut), Sparganium (Igelkolben) oder im Wasser liegendes Gras.
Pyrrhosoma nymphula (Frühe Adonislibelle)
In Anbetracht der Häufigkeit ist die Bodenständigkeit als wahrscheinlich einzustufen.
Coenagrion puella (Hufeisen-Azurjungfer)
In Anbetracht der Häufigkeit ist die Bodenständigkeit als wahrscheinlich einzustufen.
Als Eiablagesubstrat konnte Myriophyllum spicatum (Ähriges Tausendblatt) beobachtet werden.
Coenagrion pulchellum (Fledermaus-Azurjungfer)
Der einzige Fundort ist im Bereich des Wengimoos, wo die Art heimisch ist. Sie ist deshalb nur als Gast einzustufen. Eine sporadische Entwicklung im Limpach wäre jedoch denkbar.
Erythromma lindenii (Pokal-Azurjungfer)
Nur im Bereich des Golfplatz Limpachtal. Sie ist deshalb nur als Gast einzustufen. Eine sporadische Entwicklung im Limpach wäre jedoch denkbar, da die Art auch langsame Fliessgewässer gerne besiedelt (z.B. Aare im Raum Solothurn).
Erythromma najas (Grosses Granatauge)
Nur ein Fundort im Bereich des Golfplatz Limpachtal. Sie ist deshalb nur als Gast einzustufen.
Erytromma viridulum (Kleines Granatauge)
Nur im Bereich des Golfplatz Limpachtal. Sie ist trotz Anzahl nur als Gast einzustufen.
Enallagma cyathigerum (Becher-Azurjunger)
Nur im Bereich des Wengimoos und Golfplatz Limpachttal. Sie ist deshalb nur als Gast einzustufen. Eine sporadische Entwicklung im Limpach wäre jedoch denkbar, da die Art auch langsame Fliessgewässer gerne besiedelt (z.B. Aare im Raum Solothurn).
Ischnura elegans (Grosse Pechlibelle)
In Anbetracht der Häufigkeit ist die Bodenständigkeit als fast sicher einzustufen.
Die Eiablage konnte an Potagometon pectinatus (Kammförmiges Laichkraut) festgestellt werden.
Ischnura pumilio (Kleine Pechlibelle)
In Anbetracht der Häufigkeit ist die Bodenständigkeit als wahrscheinlich einzustufen.
Aeshna cyanea (Blaugrüne Mosaikjungfer)
Nur Gast.
Aeshna grandis (Braune Mosaikjungfer)
Nur Gast.
Anax imperator (Grosse Königslibelle)
In Anbetracht der Häufigkeit ist die Bodenständigkeit als möglich einzustufen.
Anax parthenope (Kleine Königslibelle)
Nur Gast.
Cordulegaster boltonii (Zweigestreifte Quelljungfer)
Durch zwei Exuvien bei Balm konnte die Bodenständigkeit belegt werden.
C. boltinii bewohnt kleinere Bäche. Sie kommt deshalb nur im oberen Teil des Limpachs vor. In Wengi konnte auch die Eiablage beobachtet werden.
Somatochlora flavomaculata (Gefleckte Smaragdlibelle)
Nur zwei Fundorte im Bereich des Wengimoos, wo sie heimisch ist. Sie ist als Gast einzustufen.
Somatochlora metallica (Glänzende Smaragdlibelle)
Wahrscheinlich nur Gast.
Libellula depressa (Plattbauch)
Diese Pionierart ist häufig auf der Suche nach neu entstandenen Gewässern und hat dabei mehrmals den Limpach besucht. Sie ist als Gast einzustufen.
Libellula fulva (Spitzenfleck)
An zwei Stellen konnte ein Männchen beobachtet werden. Sie ist als Gast einzustufen.
Libellula quadrimaculata (Vierfleck)
Die Bodenständigkeit ist im oberen, weniger tiefen Teil als möglich einzustufen.
Orthetrum brunneum (Südlicher Blaupfeil)
Durch einen Exuvienfund kann die Bodenständigkeit als sicher gelten.
Auffallend ist, dass trotz einer recht guten Bestandesgrösse im 2006 und 2008 kein einziges Individum im Jahr 2007 festgestellt werden konnte. Eine Erklärung könnte darin liegen, dass sie für die Entwicklung zwei Jahre braucht (gemäss Literatur braucht sie für die Entwicklung in warmen Gebieten ein Jahr, in kühleren zwei Jahre). Wenn dem so ist, ist es aber erstaundlich, dass nicht beide Generationen vorhanden sind.
Orthetrum cancellatum (Grosser Blaupfeil)
Nur im Bereich des Wengimoos und Golfplatz Limpachtal festgestellt. Sie ist als Gast einzustufen.
Sympetrum sanguineum (Blutrote Heidelibelle)
Nur ein Fundort im Bereich des Wengimoos. Sie ist als Gast einzustufen.
Sympetrum striolatum (Grosse Heidelibelle)
Nur im Bereich des Wengimoos festgestellt. Die Bodenständigkeit ist als möglich einzustufen.
Fliessgewässer sind im Allgemeinen weniger artenreich an Libellen als Stehgewässer. An langsam fliessenden, stark besonnten Bächen, wie es der Limpach ist, kann die Artenvielfalt aber beachtlich sein, wie es das vorliegende Beispiel verdeutlicht. Es braucht dazu strömungsarme Stellen, eine ausreichende Wassertemperatur, je nach Art geeignetes Eiablagesubstrat in Form von Sand, Schlamm oder bis an die Oberfläche reichende Unterwasservegetation und in der Nähe hohe Vegetation als Versteck für die inaktive Tageszeit und bei schlechtem Wetter. Ebenfalls für viele Arten wichtig ist das Vorhandensein von Ansitzmöglichkeiten für Männchen, die auf Weibchen warten und ihre Reviere verteidigen, dies in Form von flutender Vegetation oder noch besser von vertikaler Vegetation unmittelbar am Wasser. Damit kann ein Fliessgewässer auch diversen Arten die hauptsächlich in Stehgewässern leben einen Lebensraum bieten. Diese Voraussetzungen sind am Limpach mosaikartig vorhanden. Im Gegensatz zu Stehgewässern haben aber die Libellenlarven am Limpach ein Problem zu lösen, nämlich das des Hochwassers. Die Wassermenge kann bei starken Regenfällen um etwa das Hundertfache ansteigen (persönliche Schätzung). Die Larven müssen sich in solchen Fällen gut im Boden- oder Pflanzensubstrat verankern, wenn sie nicht verdriftet werden wollen. Falls sie in die Emme gespült werden, haben sie kaum mehr eine Chance, sich fertig zu entwickeln. Um der Gefahr des Verdriftens zu entgehen, suchen sich die Larven strömungsarme Stellen auf, die es auch bei Hochwasser gibt.
Auch für die adulten Libellen birgt das Hochwasser eine nicht zu unterschätzende Gefahr, was folgende Vergleichszahlen verdeutlichen:
Zählungen an einem 425 m langen Abschhnitt bei Balm (am 9.8.07 gab es ein derartiges Hochwasser, dass der Limpach u.a. an diesem Abschnitt über die Ufer trat):
|
Art |
Anzahl am 5.8.2007 |
Anzahl am 12.8.2007 |
|
Calopteryx splendens |
263 |
113 |
|
Calopteryx virgo |
2 |
2 |
|
Platycnemis pennipes |
7 |
1 |
|
Ischnura elegans |
2 |
0 |
Es ist zu befürchten, dass viele der Libellen umgekommen sind, die die inaktive Zeit am Limpachbord verbrachten und sich nicht mehr in Sicherheit bringen konnten.
Gewässerunterhalt
Ein grosses Problem für die Libellenfauna an diesem Gewässer ist der Unterhalt. Die Ufer werden ein bis mehrmals jährlich gemäht und ab und zu auch die oberste Humusschicht abgetragen. Dies wirkt sich im Allgemeinen positiv auf die Libellen aus, da somit das Wasser nicht zu fest beschattet wird. Jedoch wird der Bach zu oft von Wasserpflanzen befreit. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, wo schon viele Libellen ihre Eier darin abgelegt haben. All die mit Libelleneiern bespickten Wasserpflanzen gelangen dann nach dem Schnitt mit der Strömung in die Emme wo die Libellen keine Chance mehr haben sich zu entwickeln. Nach solchen Eingriffen finden die verbliebenen Libellen zudem kaum mehr Eiablagemöglichkeiten. Eine weniger intensive Pflege des Gewässers wäre hier zu Gunsten der Pflanzen und Tiere angezeigt. Dies kann leicht erreicht werden, indem das Pflanzensubstrat nicht vollständig entfernt wird oder über mehrere Jahre nur abschnittsweise gemäht wird. Auch eine weniger radikale Pflege des Uferbereiches würde den Libellen und anderen Tieren (z.B. Heuschrecken) helfen. Zum Beispiel mit dem gestaffelten Mähen der Uferabschnitte, damit jederzeit genügend Unterschlupf und Nahrung für Tiere bleibt. Kleinere Flächen dürfen ruhig mal das ganze Jahr über stehen gelassen werden. Dies sollen aber nur Flächen sein, die keine invasiven Neophyten enthalten. Am Limpach ist besonders das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) ein Problem, da es bestandsbildend auftritt, sich bei fehlender Pflege stark vermehrt und so die einheimische Flora verdrängt. An Stellen wo schlecht gemäht werden kann, ist dies eindrücklich zu sehen.
Eine weitere Möglichkeit, den Limpach als Naturraum aufzuwerten, ist die Entfernung der fremdländischen Pappeln entlang des Baches. Sie könnten bequem durch einheimische Bäume wie z.B. Eichen und Linden (aber keine Nussbäume!) ersetzt werden.
Anhang: Bilder vom Limpach
Konrad Eigenheer
Hofmatt 11
4582 Brügglen
24. August 2008