Erstnachweis des Berghänflings Carduelis flavirostris in der Schweiz

 

Konrad Eigenheer

 

 

First record of the Twite Carduelis flavirostris in Switzerland. – On 1 November 1993 the Twite Carduelis flavirostris has been recorded in Switzerland for the first time. The bird was feeding for c. 20 min on the dike of the Broye canal (lake Neuchâtel)

  Key words: Carduelis flavirostris, first record

  Konrad Eigenheer, Kreuzmattweg 6, CH-4563 Gerlafingen

 

 

 

Am 1. November 1993 marschierte ich am frühen Nachmittag am Neuenburgersee auf dem Broyedamm von La Sauge VD seewärts. Es herrschte mildes Herbstwetter mit nur schwachem Wind. Die Sonne schimmerte leicht durch die dünne Bewölkung.

 

  Etwa in der Mitte des im offenen Wasser liegenden Dammbereichs stiess ich auf zwei Ornithologen, einem Deutschschweizer und einem Romand. Diese machten mich sofort auf einen Singvogel aufmerksam, welcher etwa 15 m vor uns an den Samenständen eines Beifusses Artemisia vulgaris frass. Ich betrachtete den Vogel anschliessend mit meinem 20-60fach vergrössernden Fernrohr.

 

 

Abb. 1. Berghänfling Carduelis flavirostris am Neuenburgersee. 1. November 1993, Aufnahme K. Eigenheer. – Twite Carduelis flavirostris at lake Neuchâtel, 1. November 1993

 

  Der Vogel hatte den Habitus eines Hänflings oder Zeisigs (Gattung Carduelis). Er machte einen gesamthaft grünlichen Eindruck, war stark dunkel gestrichelt (mindestens auf Scheitel, Rücken und Flanken) und hatte eine sehr auffällige hellgelbliche Flügelbinde. Die Handschwingen zeigten deutlich ein helles Flügelfeld, hervorgerufen durch helle Aussenfahnen. Der Schnabel war hell (der später eintreffende H.R. Flück bezeichnete ihn als gelblich), kurz und spitz; Ober- und Unterschnabel waren gerade. Die Kehle war hell. Der Schwanz war ziemlich lang und stark gegabelt. Auf die Beinfarbe hatte ich nicht geachtet, der anwesende Romand beschrieb sie aber mehrmals als schwarz. Der Vogel verhielt sich nicht sehr scheu. Nach meinem Eintreffen hielt er sich noch etwa 20 min auf der Staude auf. In dieser Zeit frass er ununterbrochen an den Samenständen. Eine Lautäusserung konnte nicht vernommen werden.

 

  Weder ich noch die beiden anderen anwesendenden Ornithologen konnten den Vogel bestimmen. Da die Möglichkeit eines Berghänflings nicht ausgeschlossen werden konnte, machte ich zwischendurch aus grosser Distanz ein Photo; dieses sollte sich trotz der geringen Qualität als äusserst wertvoll erweisen. Hansruedi Flück, der mit einer kleineren Gruppe zu uns stiess, bestimmte den Vogel als Berghänfling. Die Bestimmung wurde durch den von der Schweizerischen Avifaunistischen Kommission (SAK) zur Begutachtung eingeladenen Experten Peter H. Barthel anhand des Photos bestätigt.

 

  Der Berghänfling kann am ehesten mit Birkenzeisig Carduelis flammea und Hänfling Carduelis cannabina verwechselt werden. Bei der Beobachtung erinnerte mich der Vogel zuerst an einen Birkenzeisig, da die dunkle Strichelung typisch für diesen Vogel ist. Doch fehlten die für diese Art typischen roten und schwarzen Zeichnungen am Kopf. Allerdings würde dies auch auf das Jugendkleid des Birkenzeisigs zutreffen. Das deutlich sichtbare Weiss auf den Handschwingen schliesst diese Art aber aus. Der Hänfling unterscheidet sich vom Berghänfling unter anderem durch den ganzjährig grauen Schnabel, eine weniger markante Strichelung, eine unauffälligere Flügelbinde und bräunliche Beine (Harris, Tucker & Vinicombe, Vogelbestimmung für Fortgeschrittene, Stuttgart 1991).

 

  Der Berghänfling brütet einerseits in Grossbritannien und NW-Skandinavien, wo er die küstennahen Gebiete bevorzugt, und anderseits in Vorder-, Mittel- und Zentralasien, westwärts bis in die Türkei. Die europäische Population überwintert hauptsächlich im Küstenbereich der Nord- und Ostsee, südlich bis an die Mittelgebirgsschwelle, jedoch sehr selten bis zum Alpenrand (Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Singvögel, Wiesbaden 1993). Im Bodenseeraum wurde er schon vermehrt festgestellt, jedoch noch nie auf Schweizer Seite dokumentiert (Winkler, Orn. Beob. Beih. 5, 1984; Undeland & Leuzinger, Orn. Beob. 89: 253-265, 1992). Der Aufenthalt an Seen ist typisch für diese Art. Der Einflug der Wintergäste in NW-Deutschland beginnt hauptsächlich ab Anfang November. Am Südrand des Überwinterungsgebietes in Mitteleuropa werden die grössten Zahlen von Dezember bis Februar festgestellt. Das Auftreten am 1. November in der Schweiz kann also als recht früh angesehen werden.

 

  Anlässlich einer Revision durch die SAK 1992 wurde der Berghänfling aus der Schweizer Artenliste gestrichen (Undeland & Leuzinger l.c.). Die vorliegende Beobachtung ist als Schweizer Erstnachweis von der SAK anerkannt worden. Es ist nicht auszuschliessen, dass der Berghänfling öfters bis in die Schweiz vorstösst, aber entweder übersehen, verwechselt, nicht gemeldet oder ungenügend dokumentiert wird.

 

Dank. Hansruedi Flück hat mir bei der Bestimmung geholfen, Peter H. Barthel mein Foto begutachtet. Paul Mosimann hat mein Manuskript kritisch durchgesehen und wertvolle Verbesserungsvorschläge angebracht.